Klage einer Liebenden (B64)

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Klage einer Liebenden (B64)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung erstes Viertel 15. Jhd.
Entstehungsort Ripuarisch
AuftraggeberIn
Überlieferung Berlin, Staatsbibliothek: Mgf. 922, 26ra-26vb
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Klage einer Liebenden; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 111f.

Inhalt

A Anklage der Minne (1–48):

Die Sprecherin klagt die Minne an, die sie in unerwiderte Liebe gestürzt habe. Als treue Dienerin fühle sie sich ohne Schuld: Verführt von seiner „Männlichkeit“ habe sie ihm ihr Herz geöffnet. Nun aber trage nur sie das Leid, während der Geliebte unbeschwert bleibe. Vor „reinen Frauen“ beklagt sie, dass Minne ihr Kummer bringe und der Mann ihr Gegenteil sei: Ihr Leid sei ihm lieb, ihre Liebe ihm Last. Sie bittet die Minne, ihn ihr zugeneigt zu machen – in der Hoffnung, ihm nahe zu sein, ohne Ehre oder Beständigkeit zu verlieren.

B Anrufung des Mannes (49–64):

Die Sprecherin richtet sich an den Geliebten und bittet ihn – gestützt auf ihre treue Liebe, ihre Tränen und ihr vorzeitiges Altern vor Kummer – um Erhörung, die auch seine Ehre mehren würde.

C Fortsetzung von A (65–88):

Die Sprecherin klagt ihr Elend mit sprichwörtlichen Bildern und vergleicht sich mit einem dürren Ast unter der trauernden Turteltaube. Sie beschuldigt die Minne, sie in tödliches Liebesleid gestürzt zu haben, und bittet erfahrene – besonders reine – Frauen um Rat, wie sie dem Sterben aus Liebe entgehen könne. Da sie sich vor Liebe „verzehrt“, kündigt sie an, die Minne vor Gericht zu ziehen: Ein Leben als „lebender Tod“ sei ihr wertlos geworden. In förmlicher Anklage fordert sie die Minne auf, sich dem Urteil zu stellen, und ruft Stete, Trost, Treue und auch die Hoffnung als Beistände gegen die „Mörderin“ Minne auf.

E Rede der ›Hoffnung‹ (111–142):

Die personifizierte Hoffnung bekennt (122: Inquit-Formel im Präteritum: und sprach), dass sie der Minne untergeben sei (112: ich byn der Mynnen man). Sie will daher nicht als Beistand, sondern eher als Mittlerin (113: middelbode [Konjektur!]) auftreten. Sie gibt der Frau den Rat, sich in Geduld zu üben (Sprichwort 124: men sprichet: goet dienst wert nie verloren). Ferner bittet sie die Minne (128: Anrede als Venuos), der Frau den Schmerz zu erleichtern und ihr Gnade zu gewähren. Wieder an die Frau gewandt, rät sie zur Befolgung ihrer Lehre und zur Aufgabe des Unmuts und stellt einen Lohn für ihre Mühen in Aussicht.

(Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 111f.)