Der unentschlossene Minner (B50): Unterschied zwischen den Versionen

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==Inhalt==
==Inhalt==
===A Einleitung (1–15): ===
===A Einleitung (1–15): ===
Der Sprecher berichtet vom exzeptionellen Leid seines Herzens
Der Sprecher schildert das außergewöhnliche Leid von Herz und Körper, noch in der dritten Person. Ein Übergang zu B fehlt.
und seines Körpers (über beide wird hier noch in der 3. Person gesprochen). Der
 
Übergang zu B ist nicht markiert.
===B Dialog zwischen Körper und Herz (16–252):===
===B Dialog zwischen Körper und Herz (16–252):===
Der Körper (16–43) fordert das Herz  
Der Körper fordert das Herz auf, seine Treue zur Geliebten endlich aufzugeben: Nur ein Esel trage eine schwere Last ohne Lohn, und er selbst sei ein solcher, weil er trotz erkennbaren Schadens nicht aufhöre. Hoffnung habe ihn getäuscht; Trost sei unerreichbar. Das Herz sei schuld, und wenn es nicht nachlasse, würden beide zugrunde gehen. Das Herz gesteht, dass Ruhe nur durch Aufgabe der Liebe möglich wäre, doch es könne das auferlegte Joch nicht mehr abwerfen. Es sei zu schwach geworden, um die Minneverstrickung zu lösen. Der Körper wirft ihm daraufhin vor, nie wirklich aufhören zu wollen. Das Herz entgegnet, der Körper habe durch seinen Blick die Wunde erst geschlagen; die Schönheit der Dame halte es unentrinnbar fest. Der Körper mahnt zu Widerstand: Er selbst leide unter dem Minneband, die Dame gebe keinerlei Hoffnung, und dennoch müsse er seinem Herzen Untreue empfehlen, so sehr quäle ihn die Not. Seit Kindheit diene er ihr ohne Dank; wenn das Herz sterben wolle, solle man eben gemeinsam ausharren. Das Herz überbietet: Sein Leid sei größer, es wache, wenn der Körper schlafe, und werde von Liebeshunden gehetzt. Der Anblick der Dame wirke wie unlöschbares Seefeuer. Die Meister hätten die Macht der Liebe längst beschrieben. Lieber verliere es das Seelenheil, als von ihr zu lassen. Der Körper sei feige; das Herz bleibe treu, komme was wolle. Der Körper verteidigt sich: Immer wenn er sprechen wolle, erschüttere das Herz ihn und hindere ihn. Und selbst Mut würde nichts nützen, da die Dame nicht hören wolle. Von Schmach gebeugt, ergebe er sich schließlich dem Schicksal und der Pflicht zu Klage und Treue.
auf, von seiner Beständigkeit abzulassen. Ein Esel sei der, der eine sehr schwere Last  
 
für einen geringen Lohn trage, der Weise nehme davon Abstand. Er, der Körper, sei  
ein Esel, weil er erkenne, dass ihm sein Tun zum Schaden gereiche, und weil er doch
nicht damit aufhöre. Sein Verstand (26: ''mut'') habe sich von der Hoffnung (26: ''wan'')
narren lassen, nun aber erkenne er, dass er auch in 100.000 Jahren keinen Trost erwerben werde. Es reut ihn, dass er seine Augen nicht früher habe ›laufen lassen‹, um
anderswo Abhilfe für seinen Kummer zu suchen. Schuld sei das Herz gewesen. In
einer Apostrophe bittet der Körper das Herz, von dieser Liebe abzulassen. Ansonsten würden sie beide sterben. Das Herz (44–70) stimmt dem Körper zu, dass aus
der Beendigung des Dienstes Ruhe und Friede resultieren würden. Doch sei ihm das  
unmöglich. Die Dame habe ihm ein Joch aufgebunden, aus dem das Herz sich nicht  
mehr befreien könne. Auch es selbst leide sehr und sei zu schwach, um das Seil (der
Minneverstrickung) zu kappen. Das hätte es noch gekonnt zu der Zeit, als es kräftig
war. Der Körper (71–74) stellt klar, dass das Herz in Wahrheit noch nie mit dieser
Liebe aufhören wollte. Das Herz (75–83) verteidigt sich und wirft dem Körper vor,
dass seine Augen die Geliebte angeschaut und damit es, das Herz, verwundet hätten. Die Gegenwart der Geliebten habe es hier (deiktisch: hier im Herzen?) mit ihrer
Schönheit besessen (81f.: ''Jr gegen wirt wa daz was | Hie mit jr schoni mich si besasz''),
sodass es nicht auf die Geliebte verzichten könne. Der Körper (84–124) bittet das
Herz, nicht zu verzagen und Widerstand zu leisten. Es solle doch einfach an die Qualen denken, die er, der Körper, ertrage, weil ihm das Minneband alle Freuden nehme.
Die Geliebte stelle außerdem immer wieder klar, dass sie in keinster Weise ein Zugeständnis machen wolle. Nach einem kurzen geblümten Lob der Geliebten (sie sei
Blüte aller Freude, Paradies aller Lust, Krone der geblümten Wonne usw.) wundert
sich der Körper, dass ihn die Mühsal so weit bringe, seinem Herzen Beständigkeit
vorzuwerfen und Untreue zu empfehlen. Doch bevor er verdurste, trinke er eben lieber trübes Wasser. Von Kindesbeinen an habe er ihr zu Willen gelebt ohne Lohn und
Dank und ohne je an den Durst zu denken, den er stillen müsse. Wenn das Herz sterben wolle, dann wäre es am einfachsten, gemeinsam in dieser Notlage zu verharren.
Er jedenfalls könne das Ganze nicht länger ertragen. Das Herz (125–213) kontert
mit einer Überbietung, es leide viel mehr als der Körper: Wenn er schlafe, wache es
oft, von Kummer erhitzt; während er sich freue, hetze die Liebe es mit ungeliebten
Hunden. Das Herz sehne sich nach der Zeit zurück, als der Mangel ihrer Liebe ein unsüßer Angelhaken für das Herz gewesen sei, den sie in den süßen Honig geworfen
habe. Es vergleicht die Wirkung des Anblicks der Geliebten mit dem Seefeuer (152:
marinen für; sog. ›griechisches Feuer‹), das – wie man wisse – nicht zu löschen sei.
Das Herz zitiert (162–171) die Meister der Heiden, die die Unwiderstehlichkeit der  
Liebe bereits beschrieben hätten. Lieber würde das Herz auf das Seelenheil verzichten und 1000 Tode sterben, als von ihr zu lassen. Es wirft dem Körper seine Feigheit
vor; wenn er der Geliebten die Not klagen solle, werde er nur rot vor Scham. Dabei
wolle sie ihn doch nicht ermorden. Sentenz: Wer sich selbst nicht helfen will, verdirbt nicht schuldlos (192f.). Das Herz sagt, ob der Körper nun sterbe oder überlebe
(199: ''Stirb genisz tu waz du wilt''), es selbst bleibe der Geliebten treu. Das Herz hänge
wie der Körper an ''gestückten sailen'' (212; geteilte oder aus Stücken zusammengesetzte
Seile?) an ihr. Der Körper (214–252) verteidigt sich gegen den Vorwurf der Feigheit: Immer wenn er zur Geliebten sprechen wolle, zittre das Herz wie Laub in ihm,
es hämmere (224: ''Du pungelst'') und wolle aus ihm herausspringen. Aber selbst wenn
er so mutig wäre, zu ihr zu sprechen, wolle sie ihm doch nicht zuhören. Wegen der
Schmach, die er von ihr erleide, wolle er verzagen und jammervoll verderben. Weil er
das Herz nicht zur Aufgabe der Liebe zwingen könne, gebe er sich nun dem Schicksal  
und der Tugendhaftigkeit anheim. Er sei bereit für Klage und Treue.
===C Schluss (253–294): ===
===C Schluss (253–294): ===
Ohne Markierung folgt abschließend eine Ich-Rede, die sich
Zum Schluss spricht ein Ich, wohl der minnende Sprecher selbst. Die Passage wirkt wie das Resultat des inneren Streits von Herz und Körper: Er klagt sein außergewöhnliches Leid, rühmt die Dame als höchste Zucht, bekräftigt seine Treue und sucht Halt in der Gedankenminne. Am Ende bittet er Venus, die Geliebte möge Erbarmen zeigen.
am ehesten dem minnenden Sprecher zuordnen lässt. Jedenfalls lässt sich dieser
Schluss als Ergebnis des inneren Dialogs zwischen seinem Herzen und seinem Körper auffassen: Der Sprecher beklagt sein exzeptionelles Leid, preist die Dame als  
Krone weiblicher ›Zucht‹ usw., versichert sie seiner Treue und findet Zuflucht bei
der Gedankenminne (272: ''gedenck sint fry''). Am Ende ruft er Frau Venus an, dass die  
Geliebte sich seiner erbarmen möge.


[[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 89f.
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 89f.).


[[Kategorie:Quelle Minnerede]]
[[Kategorie:Quelle Minnerede]]
[[Kategorie:Quelle Klagerede]]
[[Kategorie:Quelle Klagerede]]

Aktuelle Version vom 2. Januar 2026, 23:20 Uhr

Der unentschlossene Minner (B50)

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung um 1425
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Karlsruhe, Landesbibliothek: Hs. Donaueschingen 104, 101rb-103ra
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob: Der unentschlossene Minner; Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 88-90

Inhalt

A Einleitung (1–15):

Der Sprecher schildert das außergewöhnliche Leid von Herz und Körper, noch in der dritten Person. Ein Übergang zu B fehlt.

B Dialog zwischen Körper und Herz (16–252):

Der Körper fordert das Herz auf, seine Treue zur Geliebten endlich aufzugeben: Nur ein Esel trage eine schwere Last ohne Lohn, und er selbst sei ein solcher, weil er trotz erkennbaren Schadens nicht aufhöre. Hoffnung habe ihn getäuscht; Trost sei unerreichbar. Das Herz sei schuld, und wenn es nicht nachlasse, würden beide zugrunde gehen. Das Herz gesteht, dass Ruhe nur durch Aufgabe der Liebe möglich wäre, doch es könne das auferlegte Joch nicht mehr abwerfen. Es sei zu schwach geworden, um die Minneverstrickung zu lösen. Der Körper wirft ihm daraufhin vor, nie wirklich aufhören zu wollen. Das Herz entgegnet, der Körper habe durch seinen Blick die Wunde erst geschlagen; die Schönheit der Dame halte es unentrinnbar fest. Der Körper mahnt zu Widerstand: Er selbst leide unter dem Minneband, die Dame gebe keinerlei Hoffnung, und dennoch müsse er seinem Herzen Untreue empfehlen, so sehr quäle ihn die Not. Seit Kindheit diene er ihr ohne Dank; wenn das Herz sterben wolle, solle man eben gemeinsam ausharren. Das Herz überbietet: Sein Leid sei größer, es wache, wenn der Körper schlafe, und werde von Liebeshunden gehetzt. Der Anblick der Dame wirke wie unlöschbares Seefeuer. Die Meister hätten die Macht der Liebe längst beschrieben. Lieber verliere es das Seelenheil, als von ihr zu lassen. Der Körper sei feige; das Herz bleibe treu, komme was wolle. Der Körper verteidigt sich: Immer wenn er sprechen wolle, erschüttere das Herz ihn und hindere ihn. Und selbst Mut würde nichts nützen, da die Dame nicht hören wolle. Von Schmach gebeugt, ergebe er sich schließlich dem Schicksal und der Pflicht zu Klage und Treue.

C Schluss (253–294):

Zum Schluss spricht ein Ich, wohl der minnende Sprecher selbst. Die Passage wirkt wie das Resultat des inneren Streits von Herz und Körper: Er klagt sein außergewöhnliches Leid, rühmt die Dame als höchste Zucht, bekräftigt seine Treue und sucht Halt in der Gedankenminne. Am Ende bittet er Venus, die Geliebte möge Erbarmen zeigen.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 89f.).