Liebesklage (B40): Unterschied zwischen den Versionen

Aus Brevitas Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
 
(2 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt)
Zeile 17: Zeile 17:


===B Erste Exempelreihe (84–315): ===
===B Erste Exempelreihe (84–315): ===
Der Sprecher parallelisiert seine Liebessehnsucht  
Der Sprecher spiegelt seine Liebessehnsucht an berühmten literarischen Figuren und streut kurze Hinweise auf ihre Geschichten ein: Sigunes Trauer, Tristans Verlangen nach Isolde, Anfortas’ unheilbare Wunde, Parzivals Schmerz, Wilhelms Sehnsucht nach Aglie, Raimunds Klage um Melusine, Flores Verzweiflung um Blanscheflur und Lohengrins Verlust von Elisa.
mit der literarischer Figuren, wobei er – unterbrochen von kürzeren Passagen, in denen er seine Verzweiflung entlang der oben exponierten Gefühle und Argumente
Wie Kaedin fürchtet er, an unerfüllter Liebe zu sterben; seine Sehnsucht sei größer als die Gaweins. Besonders schmerzt ihn, dass die einst gütige, von ihm vergötterte Dame ihn nun nur noch abweist – ein Leid, das er schwerer empfindet als Wigalois’ Prüfungen um Larie.
ausführt – jeweils kurz aus den entsprechenden Werken referiert: Sigune, die sich
 
nach Gardevias Brackenseil sehnt (Wolfram von Eschenbach / Albrecht, ›Titurel‹); Tristan, der sich nach Isolde sehnt, als er ihr den Hund Iapura (95; Petitcreiu?)
schickt (Gottfried von Straßburg, ›Tristan‹) oder tödlich verwundet darniederliegt
(Eilhart von Oberg, ›Tristrant‹ oder die ›Tristan‹-Fortsetzung); Anfortas, den bis
zu Parzivals Ankunft niemand heilen kann; Parzival, den bei Anblick der Blutstropfen im Schnee das Verlangen nach Kondwiramurs besinnungslos macht (Wolfram
von Eschenbach, ›Parzival‹); Wilhelm von Österreich, der sich bei seinem Ritt auf
dem Walfisch und beim Sieg über König Walwan und andere nach Aglie sehnt (Johann von Würzburg, ›Wilhelm von Österreich‹); Raimund, der die verschwundene
Melusine beklagt (Thüring von Ringoltingen, ›Melusine‹); Flore, der vor Leid fast
stirbt, als er glaubt, Blanscheflur sei tot (Konrad Fleck, ›Flore und Blanscheflur‹);
Lohengrin, der sich nach Elisa und seinen Kindern sehnt (›Lohengrin‹). Der Sprecher glaubt, vor unerfüllter Liebe zu sterben, so wie auch Kaedin die Liebe zu Kassie
den Tod durch die Hand des sterbenden Nampotenis brachte (Ulrich von Türheim,
›Tristan‹-Fortsetzung); seine Sehnsucht sei größer als die Gaweins, als dieser erkannte, dass er ohne den Gürtel nie wieder den Weg zu Florie finden werde (Wirnt von  
Grafenberg, ›Wigalois‹) – umso schlimmer wiege, dass der Sprecher die vergötterte  
Dame (290: ''Auch waz si mein irerdischer gott''), die ihn einst freundlich behandelte,  
zwar sehen könne, nun aber nichts als Ablehnung erfahre; er leide mehr als Wigalois
bei seinen Abenteuern wegen Larie (Wirnt von Grafenberg, ›Wigalois‹).
===C Lob der Geliebten (316–347): ===
===C Lob der Geliebten (316–347): ===
Die Schönheit Lariens ist der Ausgangspunkt zu
Ausgehend von Lariens Schönheit beschreibt der Sprecher die Geliebte als alle Frauen übertreffend und entfaltet eine vollständige Kopf‑bis‑Fuß‑Schilderung ihres Körpers.
einer ausführlichen Schönheitsbeschreibung der alle anderen Frauen übertreffenden
 
Geliebten (nach dem A capite ad calcem-Schema): Haare, Stirn, Augenbrauen, Augen, Nase, Mund, Wangen, Kinn, Grübchen, Hals, Zähne, Brüste, Arme, Hände,
Finger, Beine, Füße.
===D Liebesklage und zweite Exempelreihe (348–515): ===
===D Liebesklage und zweite Exempelreihe (348–515): ===
Als Makel der Geliebten benennt
Der Sprecher wirft der Geliebten vor, keine Liebe zu erkennen, und fühlt sich dadurch wie ein „lebendiger Toter“. Ein Treueversprechen, das sie persönlich gegeben und grundlos widerrufen habe, lässt ihn verzweifelt weiterbrennen und alle Mühe als vergeblich erscheinen. Zur Illustration nennt er drei Beispiele betrogener Liebender: Marke, der Isolde irrtümlich für unschuldig hält; Crispin, deren Hoffnung auf Wilhelm scheitert; und Diocletian, den seine Frau ins Verderben führt.
der Sprecher ''daz si kain lieb nit kan erkennen'' (351), was ihn zu einem ''lebendigen todten''
Da die Geliebte ihm gebietet, sie zu meiden, sieht er sich jeder Freude wie jedes Leids beraubt. Dennoch hofft er auf einen neuen Mai und eine andere Dame, die seine Treue erwidert. Sollte auch diese Hoffnung scheitern, will er für immer allein bleiben. Zwar klagt er, sein Herz in treulose Hände gegeben zu haben, doch will er die Frauen nicht verurteilen – denn er hofft noch auf die Eine, die seinen Dienst annimmt.
(353) mache. Er führt ein von ihr gegebenes Treueversprechen an, das sie nun grundlos  
widerrufen habe (384f.: ''daz si mir hatt abgesaitt | selbs personlich mit irem mund''). Seitdem leide er, innerlich noch in höchster Begierde brennend, und halte alle Anstrengungen für vergeblich. Es folgen drei literarische Beispiele betrogener Liebender: 1. Marke,  
der die in der Minnegrotte schlafende Isolde für unschuldig hält (Gottfried von Straßburg, ›Tristan‹), anschließend das Sprichwort: ''Mir gschicht als der vorm bern vischt''
(426; ›vor dem Netz fischen‹, d.h. etwas Unsinniges tun); 2. Crispin, die ihre Hofnung in die Liebe Wilhelms von Österreich enttäuscht sieht (Johann von Würzburg,
›Wilhelm von Österreich‹), mit einer Apostrophe (435f.: ''Ach edle künigin Crispin, | ich muß nun aber gedenckenn din''); 3. Diocletian, dessen Frau Schätze veruntreut und ihn
in den Tod führen will (Jonathas-Episode aus den ›Gesta Romanorum‹).
E Schluss (515–564): Der Sprecher sieht sich durch ihr Gebot, sie zu meiden, seiner Liebesfreude wie des Liebesleids beraubt (Schachterminologie 516: ''Si spricht mir schauch vnd darzu matt''). Er hofft aber auf einen neuen Mai und auf eine andere reizende Dame, deren Zuneigung ihn irgendwann einmal entschädigen werde. Sollte er
noch einmal enttäuscht werden, wolle er auf ewig allein bleiben. Einerseits beklagt
er, sein Herz in die treulosen Hände der Dame gegeben zu haben, andererseits will er  
die Frauen nicht allgemein schelten, da er noch auf die Eine hoffe, die seinen Dienst  
annimmt und würdigt.


[[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 67-69
(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei [[Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden]], S. 67-69)


[[Kategorie:Quelle Minnerede]]
[[Kategorie:Quelle Minnerede]]
[[Kategorie:Quelle Klagerede]]
[[Kategorie:Quelle Klagerede]]

Aktuelle Version vom 31. Dezember 2025, 00:03 Uhr

Liebesklage (B40); Liebesklage I

AutorIn Anon.
Entstehungszeit Überlieferung 1525
Entstehungsort
AuftraggeberIn
Überlieferung Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum: Hs. Merkel 2° 966, 115r-116r
Ausgaben
Übersetzungen
Forschung Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 67-69; Klingner, Jacob: Liebesklage I

Inhalt

A Ausgangssituation / Liebesklage (1–83):

Der Sprecher liegt nachts wach und verzehrt sich nach körperlicher Minne. In drängenden Fragen beklagt er die Gleichgültigkeit der Geliebten, fürchtet, aus ihrem „Buch der Liebe“ gestrichen zu sein, und schildert seine Qual in drastischen Bildern. Ratlos fragt er sich, welche Schuld ihre Nichtachtung begründen könnte.

B Erste Exempelreihe (84–315):

Der Sprecher spiegelt seine Liebessehnsucht an berühmten literarischen Figuren und streut kurze Hinweise auf ihre Geschichten ein: Sigunes Trauer, Tristans Verlangen nach Isolde, Anfortas’ unheilbare Wunde, Parzivals Schmerz, Wilhelms Sehnsucht nach Aglie, Raimunds Klage um Melusine, Flores Verzweiflung um Blanscheflur und Lohengrins Verlust von Elisa. Wie Kaedin fürchtet er, an unerfüllter Liebe zu sterben; seine Sehnsucht sei größer als die Gaweins. Besonders schmerzt ihn, dass die einst gütige, von ihm vergötterte Dame ihn nun nur noch abweist – ein Leid, das er schwerer empfindet als Wigalois’ Prüfungen um Larie.

C Lob der Geliebten (316–347):

Ausgehend von Lariens Schönheit beschreibt der Sprecher die Geliebte als alle Frauen übertreffend und entfaltet eine vollständige Kopf‑bis‑Fuß‑Schilderung ihres Körpers.

D Liebesklage und zweite Exempelreihe (348–515):

Der Sprecher wirft der Geliebten vor, keine Liebe zu erkennen, und fühlt sich dadurch wie ein „lebendiger Toter“. Ein Treueversprechen, das sie persönlich gegeben und grundlos widerrufen habe, lässt ihn verzweifelt weiterbrennen und alle Mühe als vergeblich erscheinen. Zur Illustration nennt er drei Beispiele betrogener Liebender: Marke, der Isolde irrtümlich für unschuldig hält; Crispin, deren Hoffnung auf Wilhelm scheitert; und Diocletian, den seine Frau ins Verderben führt. Da die Geliebte ihm gebietet, sie zu meiden, sieht er sich jeder Freude wie jedes Leids beraubt. Dennoch hofft er auf einen neuen Mai und eine andere Dame, die seine Treue erwidert. Sollte auch diese Hoffnung scheitern, will er für immer allein bleiben. Zwar klagt er, sein Herz in treulose Hände gegeben zu haben, doch will er die Frauen nicht verurteilen – denn er hofft noch auf die Eine, die seinen Dienst annimmt.

(Ausführliche Inhaltszusammenfassung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, S. 67-69)