Geisterkirche (Enoch Widman)

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Geisterkirche

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Der Text steht direkt nach dem Memorabile Die gewürgte Bierwirtin (Enoch Widman). Er ist als zweiter Text unter der marginalisierten Überschrift "Zwo seltzame geschicht, deren eine am galgen, die ander uff dem kirchhoff zum Hof sich zugetragen" nach dem Memorabile Feuerglock wird gegossen (Enoch Widman) aufgeführt und wird implizit auf 1516 datiert. Zum Text der ersten Geschichte vgl. Die gewürgte Bierwirtin (Enoch Widman).

Das Memorabile ist eine Version des Erzählstoffs Geisterkirche (Erzählstoff).

Text

[1] So hat sich auch ein wunderbarliche, doch wahrhaftige geschicht in S. Lorentzenkirche[2] und uff desselben kirchhof zugetragen.[3] Alß ein andechtige, alte fromme matron, ihrer gewohnheit nach, einsmalß fru morgens vor tag hinaus gen S. Lorentz in die engelmeß[4] gehen wollen. In meinung, es sei rechte zeit und um mitternacht fur das Öber Thor kombt, findet sie dasselbe offen und gehet also hinaus in die kirchen. Da sie dann einen alten unbekandten pfaffen die meß vor dem altar verrichtet sihet. Viel leut, mehrerßtheilß unbekandte, sitzen hin und wider in den stulen, zu beden seiten, auch einstheilß ohne köpff und unter denselben ettliche, die unlangsten verstorben waren, die sie in ihrem leben wol gekandt hatte. Das weib setzet sich mit grosser furcht und schrecken in der stule einen und weil sie nichts dann verstorbene leut, bekandte und unbekandte sihet, vermeinendt, es weren der verstorbenen seelen, auch nicht weis, ob sie wider aus der kirchen gehen oder drinnen bleiben soll, weil sie viel zu fru kommen war, ihr auch haut und haar gen berg stigen, da gehet eine aus dem haufen, welche bei leben (wie sie meinete) ihr gevatterin gewesen und vor dreien wochen gestorben war, ohne zweiffel ein guter engel Gottes, hin zu ihr, zupffet sie bei der kursen[5], beutet ihr einen guten morgen und spricht: "Ei, liebe gevatterin, behut uns der Allmechtig Gott, wie kombt ihr daher? Ich bitte euch umb Gottes und seiner lieben mutter willen, habt eben acht auff, wann der priester wandelt oder consecrirt, so lauffet, weil ihr laufen kundt, und sehet euch nur nicht umb, es kostet euch sonst euer leben!" Darauff sie, alß der prister wandeln will, aus der kirchen geeilet, so sehr sie geköndt, und hat hinter ihr ein gewaltig praßeln, alß wann die gantze kirchen einfiele, gehöret, ist ihr auch alles gespenst aus der kirchen nachgelauffen und hat sie noch uff dem kirchhof erwischet, ihr auch die kursen (wie die weiber damalß trugen) vom halß gerissen, welche sie dann hinter sich gelassen, und also unversehret davonkommen und entrunnen ist, hat auch, sobald sie vor den kirchhof herauskommen, nichts ferners [S. 293] vermerket. Do sie nun widerumb zum Öbern Thor kombt und herein in die stad gehen will, findet sie das thor noch verschlossen, dann es ettwan umb ein hor nach mitternacht gewesen, mus derowegen wol bei dreien stunden in einem haus verharren, biß das thor geöffnet wird und kan hiraus vermercken, daß kein guter geist ihr zuvor durch das thor geholffen hab und das die schwein (die sie anfangs vor dem thor gesehen und gehört, gleich alß wann es zeit wer, das vieh außzutreiben) nichts anders dann leidige teufel gewesen.[6] Doch weil sie ein behertztes weib ohne das gewesen und sie dem ungluck entgangen, hat sie sich deß dings so hefftig nicht mehr angenommen, sondern ist zu hauß gangen und am leben unbeschedigt blieben, obwol sie wegen des eingenomenen schreckens zwen tag zu bett hat liegen mussen. Denselben morgen aber, da ihr solches zu handen gestossen, hat sie, alß es nun tag worden, uff den kirchhof hinausgeschicket und nach ihrer kursen, ob diselbe noch vorhanden, umbsehen und suchen lassen. Da ist diselbe zu kleinen stuecklein zerrissen gefunden worden, also daß uff einem iden grab ein kleines flecklein gelegen. Darob sich die leut, die hauffenweis derohalben hinaus uff den kirchhof liefen, nicht wenig wunderten. Diese geschicht ist unsern eltern sehr wohl bekanndt gewesen, da man nicht allein hie in der stadt, sonder auch uff dem land, in den benachtbarten orten und flecken, davon zu sagen gewust, wie dann noch heutigs tags leut gefunden werden, die es vor der zeit von ihren eltern gehört und vernommen haben.


Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 292f. Nochmals identisch abgedruckt in Kapfhammer, Günther (Hg.): Bayerische Sagen, S. 230f.; Kluge, Arnd: Sagenhaftes Hof, Teil I, Nr. 6, S. 23-26; Vogel, Wilhelmine (Hg.): Volkssagen aus Oberfranken, Band 2, S. 56-59. Forschung: Deneke, Bernward: Legende und Volkssage, S. 81-84; Dünninger, Josef (Hg.): Fränkische Sagen, S. 32-34; Kluge, Arnd: Sagenhaftes Hof, Teil I, S. 24-26; Wilhelm-Schaffer, Irmgard: Gottes Beamter und Spielmann des Teufels, S. 348f.; Jung, Stefan: Sagenüberlieferung in Stadt und Landkreis Hof, Nr. 2813, S. 764f.
  2. Seit der Reformation evangelisches Kirchengebäude in Hof.
  3. Widman datiert das Geschehen auf 1516, vgl. Chronik der Stadt Hof, S. 184
  4. Die mitternächtliche Christmette, vgl. Balthasar Fischer: Engelamt. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Auflage. Band 3. Herder, Freiburg im Breisgau 1995, Sp. 655.
  5. Pelzmantel, vgl. Lexer, Art. kürsen.
  6. Ggf. Anspielung auf Luk. 8,32f.: "Es war aber dort auf dem Berg eine große Herde Säue auf der Weide. Und sie [die Dämonen] baten ihn, dass er ihnen erlaube, in diese zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die Dämonen von dem Menschen aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See und ersoff."