Schulen fangen an zu fallen (Enoch Widman)

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Schulen fangen an zu fallen

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Der Text steht direkt vor dem Memorabile Ein Schwermer predigt allhie uff freiem feldt (Enoch Widman).

Text

[1] Damalß[2] ist nicht allein die schul allhie, so kurtzlich zuvor zu floriren fein angefangen, sonder auch andere hin und wider in Deudschlandt sehr gefallen, da fast nimand mehr seine kinder in die schulen schicken und studiren lassen wollen, weil die leut aus doctor Luthers schrifften soviel vernommen, daß die pfaffen und gelerten das volk so jemmerlich verführet hetten. Daher dann iderman den pfaffen feind ward, daß man sie hönete und vexirte wo man köndt und wurden also aus dem mißverstandt, alß weren die gelerten nur die verkerten, viel feine ingenia zu dieser zeit durch ihrer eltern unbedechtigkeit an dem studiren gehindert, wie dann doctor Nicolaus Medlerus seliger offtmalß geklagt, das Fabian Feghelm, Nicolaus Blechschmid, weiland ratherren allhie, wie dann auch viel andere mehr in ihrer jugent ettwas trefflichs in ihren studiis hetten außrichten können, wann sie nicht in diese unglückselige zeit geraten weren. Zudeme, wann gleich einer studirt hatte, daß er in kirchen und schulen Gott und den menschen hette dienen können, liße er doch widerumb davon und begab sich entweder uff vitam politicam, oder aber uff privatam. Wie sich dann Johannes Riebstein, dessen droben gedacht, zum rathstand allhie ziehen liß. Auch Veit Goditzer, seliger gedechtnus, der albereit baccalaureus sacrosanctae theologiae zu Leipzig promovirt und zum geistlichen schon zweimal geweihet war worden, eben umb der ursach willen, daß man die pfaffen sehr anfeindtet, seine studia verließ und das thuchmacherhandtwerck lernete; also auch Sebastian Polman der Elter, welcher zu Leipzigk gleichsfalß studirt hatte. Item Michael Hedler, der zu Wittenberg den gradum magisterii philosophici erlanget hatte, zoge gen Culmbach, lies sich allda heuslich nider und begab sich in den rathstandt. Diese exempel hilten die eltern ihren kindern fur und sagten: „Der und der ist in seinen studiis albereit so weit kommen, hat auch disen oder jenen gradum erlangt und gleichwol seine studia deserirt, darumb lerne du auch ein handtwerck!“ Und mit diesem argument wurd mancher junger mensch, wie dann auch mein vatter, aus der schul gewiesen. [S. 307] Wiewol die pestilentz anno 1519 der schulen allhie auch einen grossen stos damalß gegeben hat, da die schuler wol ein halb jar aussetzeten und hernach zum studirn wenig lust hetten. Darauff folgete die Verachtung der geistligkeit und gab also eines dem andern die handt.

Und wann nicht doctor Martinus Luther in ettlichen schönen schrifften (welche in seinem quinto tomo jenensi zu befinden) der schulen hohen nutz und furtreffligkeit stattlich herausgestrichen und meniglichen, bevor aber die obrigkeit, gute schulen anzurichten und darob zu halten, vermaltet hette, wurde der teuffel durch unverstendige leut fortgefahren und alle christliche schulen uff einen haufen geworffen haben.

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 306f. Überschrift: "Schulen fangen an zu fallen".
  2. 1525.