Ein Schwermer predigt allhie uff freiem feldt (Enoch Widman)

Aus Brevitas Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Ein Schwermer predigt allhie uff freiem feldt

AutorIn Enoch Widman
Entstehungszeit 1596
Entstehungsort Hof
AuftraggeberIn
Überlieferung Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Ausgaben Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman)
Übersetzungen
Forschung

Der Text steht direkt nach der chronikalen Erzählung Schulen fangen an zu fallen (Enoch Widman) und direkt vor Niclaß Storch ein anfenger der auffrhurer, schwermer und Widertauffer (Enoch Widman)

Text

[1] Anno Christi 1525, am tag Cathedra Petri, und den nechsten sontag hernach, hat Hanß Lew, ein mönch, der aus dem closter allhie gelauffen, durch anleitung seines lehrmeisters Niclaß Storchen von Zwickau bei unß allhie uff dem freien feldt, da man vom Heiligen Grab zum Eichelberg gehet, nicht fern vom Eichelberg uff der höhe sitzend, das evangelium Matthaei am 5. (so man vor alters von vielen märtyrern gelesen) zu mittag, in grosen concurß und versamlung des volks, gut schwermerisch außgelegt und von dem wort Gottes und dem glauben wunderlich und unschiedlich, auch wie die rechten Christen derowegen musten verfolget werden, seltzam und undeutlich geredet. Ist ihme aber (weil sich unter den burgern, so eines theilß catholisch waren, eines theilß dem neuen lehrer anhingen, auffrhur zu befahren) das handtwerk bald erleget und er aus der stad gewiesen worden. Wie er sich dessen selbst beklagt in einer schrifft an seine astipulatores gestellet mit folgenden Worten: „Gnad und fried von Gott dem vatter zuvor, lieben bruder in Christo! Nachdem itzundt viel falscher lehr hin und wider außgehen, euch möchten irrig machen in dem wort Gottes, will ich euch zu verstehen geben, was ihr auch in dem haubtstuck unsers glaubens, welches Christus ist, halten solt: „Das wort ist fleisch worden und hat gewohnet in uns Johannes 1. deß wort hat geglaubt Maria, darumb wird sie selig gesprochen und gepreißt durch den heiligen geist. Lucae 1. „Selig bistu, Maria, daß du [S. 308] geglaubet hast.“ Dis wort ist fleisch worden, Johannes 1., ein gantzer leichnam daraus worden, darumb ward sie ein tempel des heiligen geists, Lucae 1., und dis wort ist wider gen himel gestiegen mit einem kreflftigen leichnam und wird nicht widerkommen bis zum tag des gerichts, Actor. 1.: „Dann niemand steiget gen himel, dann der hernider gestigen ist.“ Johannes 3. Das war ein einigs wort, das ausging vom vatter. Johannes 1. daraus folget nun: wer disem wort glaubt, daß er ein neuer mensch werde, wie Paulus spricht Galater 2.3. Zihet an den leichnam Jesu Christi. Diß lehret euch Christus selbs[t]. Johannes 3. Es sei dann das jemandt uff ein neues geboren werde, der mag in das reich Gottes nicht gehen. Daß ihr die geburt wol verstehen mögt, nicht aus fleisch geboren, nicht aus dem samen deß mans, sonder aus Gott. Johannes 1. Nun lieber bruder habt achtung auff die wort des heiligen Geistes, 2. Corinther 2., Lucas 14., wo euch das wort verkündigt wird ohne alle betrigerei, daß niemand das wort recht predigen kan, er sei ihm dann gantz und gar abgestorben, aus eigner lieb, aus eigner ehr, eigenem gutduncken. Die heimliche geistliche sundt, die im hertzen steckt, die heimliche hoffart, gefeilt ihm selbs wol, führet das wort Gottes auff der zungen, darumb wird das wort Gottes zur lugen getheilt, und sucht nicht Gottes willen, sonder seinen eignen willen. Philipper 3. Wer diß fühlet, kan Gottes wort nicht handeln noch wandeln. Dann Paulus spricht 1. Corinther 2: Ich geb euch diß, das ich vom herrn empfangen hab. Paulus ward ein neugeborner mensch, sein hoffertiges hertz das ward zuschlagen, do er sprach Actor. 9: „Wer bistu? Ich bin der, den du verfolgest.“ Daraus folget, das wir glauben, daß Gottes wort zu gesetz treibet. Römer 3. Wie ihr vor gehört habt, seines eignen willens abzusterben, daß wir nichts vermögen noch fühlen, denn unser verdamnus. Darumb in dieser anfechtung müssen wir still halten, und mit unser vernunfft nichts bauen, verzagen an allen creaturen. Römer 8., Colosser 3. Daß die seel leer werde von allen ihren krefften, sonst kan er nicht wissen, was glaub sei, hat nur ein geferbten, dann wurfft dich Gott in die hell und suchet dein hell und das urtheil deiner boßheit selbst. 1. Reg. 2., 2. Corinther 4. Darumb kan dir kein creatur helffen, sind dir all zu gering, da mustu hangen an dem wort des glaubens, wenn du wirst verlassen werden, daß du meinest, es sei kein Gott. Also führet Gott sein wesen mit den ausserwelten menschen, und weiset ihnen ihr urtheil. Dann Gott sagt Matthäus 7: „Wer sich selbst richtet, den wird er nicht richten.“ Also bauet Gott seinen tempel und leset keinen abgott drinnen. Esaiae 6. Dann er will ein gantz herz haben, aus gantzen krefften, aus gantzer seelen, aus gantzem deinem gemut, aus gantzem hertzen geliebt sein. Deut. 4. Da hörestu, was Gott von dir haben will, nicht zweien herren zu dienen. Matthäus 6. Darumb machet euch das wort zu tempeln des heiligen Geistes. 1. Corinther 3. Wie Christus spricht Johannes 14: Ich und mein vat[S. 309]ter wollen ein wohnung bei euch machen. Das ist die rechte monstrantz, da Gott innen wohnen will. Da hörestu, wie subtil Gott seinen tempel bauen will, daß er nichts umb sich leiden kan, dann er will allein Gott sein, Exodus 20; dann er ist ein eiferer. Darumb wirstu sehen, daß nimand hinauffsteigt, dann der heruntergestigen ist; also macht das wort und wirckt in dirs, das fleisch und blut draus wirdt, das ist lebendig. Darumb spricht er Johannes 6: Trincket und esset, daß ist mein fleisch und mein blut. Wer nicht glaubt, daß es geschehen, soll in ihm selbsten, der weis nicht, was er thut, und nimbt brot und wein, wie ein siech, nimbt ihm das gericht. 1. Corinther 2 spricht, er hab ihn entpfangen, und beleuget sich selbst mit einem gestrengen urtheil. Darumb ist Gottes eigenschafft nicht anders, dann das er götter aus den menschen mache. Johannes 10. Darumb mus ein solcher leichnam aus dir werden, wie Christus leichnam. Dann er spricht selbst Matthäus 12: Ihr seidt meine schwester und bruder, darumb das ihr glaubt und behaltet dasselbig wort. Dann alle schrifft mus in euch war werden. Matthäus 5.

Von diesem wort hab ich zum Hof zwo predig gethun, uff dem feldt, am tag Petri Cathedra und sontag darnach. Darumb hab ich für die obrigkeit gemust. Aber Christus ist warhafftig blieben und die menschen lugner. Es grussen euch die unbekandten bruder hie in der person, aber im glauben behalten, grusset selber untereinander in dem grus des frides. Gott der herr sei mit uns allen! Amen!

Hans Lew, der in anfechtung christlicher lieb halben von euch gestossen ist

Anmerkungen

  1. Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 307-309. Marginalie: "Ein Schwermer predigt allhie uff freiem feldt".