Niclaß Storch ein anfenger der auffrhurer, schwermer und Widertauffer (Enoch Widman)
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Niclaß Storch ein anfenger der auffrhurer, schwermer und Widertauffer | |
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| AutorIn | Enoch Widman |
| Entstehungszeit | 1596 |
| Entstehungsort | Hof |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Ausgaben | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Übersetzungen | |
| Forschung | |
Der Text steht direkt nach der chronikalen Erzählung Ein Schwermer predigt allhie uff freiem feldt (Enoch Widman).
Text
[1] Hie mus ich aber von dieses Hanß Lewens lehrmeister, Niclaß Storchen nemlichen, ettwas weiter schreiben.
Gedachter Niclas Storch ist von Zwickau burtig und seines handwercks ein tuchknapp gewesen. Diesen hat der teuffel dem lieben wort Gottes, so durch doctor Martinum Lutherum seligen neulich war an tag kommen, zuwider erreget und durch fantastische betrugliche traume und gesicht dahin getrieben, daß er sich wider das gepredigte wahre wort Gottes geleget, heimliche offenbarung gerhumet, den unverstendigen, auch wolgelerten leuten damit einen blauen dunst vor die augen gemacht und dadurch von des Luthers lehr (welche dem teuffel und babst grossen abbruch thet) hat wollen abwenden. Hirzu hat ihme der satan, alß ein arglistiger geschwinder geist, der uff alle list, renck und occasion gut achtung hat, feine anleitung geben, daß er volgende gelegenheit wargenommen.
[S. 310] Dann, als doctor Martin Luther anno 1521 von keiser Carolo V. durch ein frei sicher geleit gen Worms citirt, allda für den stenden des reichs sein bekandtnus ungescheuet thut, seiner lehr ursach anzeigt und dabei bestendig zu verharren vermeldet und darüber vom keiser (aus antreiben der bäbstischen rott) alß ein öffentlicher verstockter ketzer, wie ihn die Papisten nenneten, in die acht erkleret, fast ein jar lang in seinem Patmo1960 uff dem schloß Wartenburg nicht fern von Eisenach (aus weisem rath und fürstlicher vorsorg hertzogen Friderichs churfursten zu Sachssen) verborgen lag, deß keisers grimmigen gefaßten zorn ein zeitlang zu entgehen, hat sich unterdessen Niclaß Storch gen Wittenberg gemachet[2] und neben seinem lieben getreuen landtsman Marco Stuber, so ein zeitlang deß orts studirt hatte, seinen schwarm heimlich, wie sonsten an andern orten mehr, spargirt, uff die geistlichen und Papisten gescholten, daß sie die rechte kirch nicht weren, und man muste Gott uff ein andere neue weis dienen, durch gesicht mit ihm reden und sonderliche Offenbarung und erleuchtung begeren.[3] Und solches war bei gedachtem Storchen und seiner rott, beides mans- und weibspersonen, gar gemein, daß sie im traum, auch wol wachendt bei lichtem hellen tag, aus des teuffelß vorbilden gesicht sahen, heimliche verborgene ding eröffneten und zukunfftige Sachen verkündigten. Ferner lehrete dieser fladdergeist, man muste auch die weltlichen obrigkeit und regiment reformirn und anders bestellen, weil darinnen viel böses und unrechtes begangen wurde und stunde aller gewalt bei ettlich wenig gottlosen leuten, so da mehr ihren eignen dann gemeinen nutz sucheten. Und derowegen hette Gott beschlossen, die alte böse obrigkeit zu vertilgen und andere, so gerecht, heilig und unschuldig weren, an ihre stat zu setzen, unter welchen er, Storch, das factotum sein wurde, weil der engel Gabriel (uff gut deudsch, der teuffei) zu ihme kommen und unter andern, welches er noch zur zeit nicht offenbaren wolte, auch diese wort gesagt hette: „Du solst uff meinem thron sitzen.“[4] Und diese wort deutet er uff sein irdisches neues reich, darinnen er ein furst werden solte. Wer ihme nun gehör gab und seinem schwarm glaubete, den tauffete er uffs neu, vorgebendt und sprechendt, die erste tauff, unter dem babsthumb, von den gottlosen pfaffen verrichtet, were unkrefftig.
Aus welchem allem und weil Storch hin und wider in Germania umbschweifete und andere irrgeister an sich zöge, auch den Thomas Muntzer, [S. 311] erstlich zu Zwickau und hernach zu Alstet pfarrern, einname, daß er seinen schwarm uff der cantzel und sonsten weidlich ausbreitete, endtlichen der bauernauffrhür und der widertauffer schendtlicher und schedlicher irrthumb entstanden ist, sowol auch die sacramentschwermerei. Dann was doctor Andreas Bodenstein von Carolstad, aus antreiben gedachtes Storchen und Stubners und zuförderst des leidigen teuffels, in abwesen doctoris Luthers mit dem bildsturmen zu Wittenberg und bald darauff, da er sich an die wort vom abendtmal „Das ist mein leib“ gemachet und dieselben seines gefallens gedeutet, fur ergernus angerichtet und, wie endtlichen solche ketzerei durch Zwinglium und andere teuffelssköpff je lenger je weiter gebracht, bedarff allhie keines weitleufftigen schreibens, es geben es die bucher doctoris Lutheri hell und klar an den tag. Allhie ist noch ein stuck zu mercken, nemlichen des teuffelß andere buberei, die er eben zu der zeit, da doctor Luther zu Worms und folgends in seinem Patmo gewesen,[5] in Spanien mit einem gottlosen, verruchten krigsman, der Ignatius Lojola geheisen, und wie man sagt, adelichen herkommens angefangen, welchen er, da er im krieg an einem schenckel verwundet worden und zur zirlichen reuterei verdorben, gar wunderbarlich und seltzam dahin getrieben, das er einen neuen orden in der bäbstlichen kirchen angerichtet, sich und seine junger nach dem herren Jesu mit grosser Scheinheiligkeit und gleißnerei genennet und also ein fundator societatis Jesu worden ist. Dann weil der teuffel vermerket, wo es mit Lutheri standhafftigen gemut hinausgewolt und daß seinem reich ein mercklicher abbruch geschehen wurde, hat er sich uff zweierlei weg wider das göttliche wort geleget und eines theilß den Storchen, aller auffrhurer, schwermer, widertauffer vatter, uff der andern seiten der jesuiten patronen und abgot Ignatium Lojolam, einen mitten in Deudschland, den andern in Spanien, erwecket, welche bede mit ihrer schwermerei und satanischen lehr die gantze welt erfüllet, also des heutigs tags keine secten dem heiligen evangelio mehr widerstandt thun, alß diese bede, die widertauffer und sacramentschender. Item die Jesuiten, welche letzte des babsts reich, so vom doctor Luther einen gewaltigen stos bekommen und ohne das langsten zu boden gangen were, widerumb meisterlich gestutzelt und unterbauet haben. Wie wunderlich aber der teuffel diese seine heiligen und liebe ge[S. 312]treuen, nemlich den Ignatium Lojolam und seine adhaerenten, item den Storchen und sein ottergezicht, die widertauffer und schwermer gefuhret, ist in andern buchern, alß in des Johannis Petri Maffeii schrifft „De vita Ignatii Lojolae“, item in der historia des beuerischen auffrhur anno 1525, item in der munsterischen und widertaufferischen geschicht, so in den chroniken und im buch doctoris Wigandi „De anabaptismo“ begriffen ausfurlich zu befinden, dahin ich den christlichen leser will gewiesen haben.
Ferner von vielgedachten Storchen zu melden,[6] der sich nicht lang an einem ort umbdrehete und seine sachen fast uberal in der still fuhrete und, wie des teuffels art, nur im finstern mausete und sein unkraut bei nacht seete, der wischete damalß das maul und machete sich bald widerumb von Wittenberg, liße doch seinen rottgesellen Marcum Stubner hinter sich. Derselb, weil er vor der zeit ein wenig studirt hatte, suchete gelegenheit mit dem herren Philippo Melanthone christlicher gedechtnus, kundschafft und freundschafft zu machen, welcher dann ihn zu sich name und ein zeitlang in seinem hauß hilte zu erkundigen, was doch eigentlich deß gesellen furgeben were und mit was grundt der Heiligen Schrifft solches geschehe. Er, Stubner, sagte, wie ihme Gott die Heilig Schrifft außzulegen und zu erkleren ein sondere gnad verlihen, obwol er diselbe nicht ferner studirte, auch keines menschen auslegung bedurfftig, verliese sich allein uff das eingeben und die erleuchtung des Heiligen Geists. Obwol aber herr Philippus leichtlich verstundt, dieses und anders were aus einem irrigen und verfuhrischen geist geredet, wolte er doch seinen gast noch nicht verdammen, sonder, weil sich ohne das allerlei Unrichtigkeit mit dem bildsturmen und andern zu Wittenberg teglich begaben, und ihme allein alles zu schlichten zu viel sein wolte, schrieb er an doctor Luther, daß er sich aus seinem Patmo widerumb nach Wittenberg zu seiner bevollenen kirchen begeben und die eingerissenen irrthumb abschaffen wolte, welches dann geschehen. Indeme nun doctor Luther zu anfang des mertzens im 1522. jar widerumb nach Wittenberg kommen, die irrgeister zu tisch gelauffen und uff sein predigt alles wider still worden, hat es herr Philippus dahin gerichtet, damit seines gastes des Stubners furnehmen und lehr vom doctor Luthero examinirt wurde. Obwol nun doctor Luther solchen geiffer anfenglich nicht hören wollen, hat er doch uff herren Philippi anhalten ermelten Stubner endtlich für sich gefordert.[7] Stubner erscheinet vor doctor Luthern und dem herrn Philippo neben einem andern, Martin Keller genant, [S. 313] und bringet sein opinion und Sachen für. Darauff doctor Luther, weil es eitel lahme fratzen und menschentand waren, nichts antwortet, sonder sie bede nur allein warnete, sie solten zusehen, waß sie anfingen, sintemal ihr ding in Gottes wort keinen grund hette, were allein ertreumet, von mussigen, unruhigen köpffen erdacht und von einem schwindelgeist eingegeben. Martin Keller stellete sich hirauff gar ungestumb, stieß mit henden und fussen alß ein rasender umb sich und fuhr doctor Luthern gar unbescheiden an, ob er dieses einem solchen mann Gottes dörffte zutrauen, er wolte mit sonderlichen wunderwercken seine sach wol bestetigen und hienaus fuhren, darumb sich Luther nicht kummern dörffte. Zogen also diese zwen, weil sie in ihren bösen sachen doctor Lutheri gegenwertigkeit nicht erdulden kondten, von Wittenberg hinweg, schrieben doctor Luthero eine unnutze schmehkarten zuruck, sucheten andere ort, da man ihn besser gehör gab und beredeten hin und wider in Deudschlandt die einfeltigen und unverstendigen, sowol auch ettliche gelerten, mit ihrer falschen lehr und irrthumb, biß es endtlichen anno 1525 zur baurnauffrhur gediegen und über zehen jar hernach zu Munster in Westphalen der widertaufferisch schwarm einen greulichen tumult erwecket hat.
Obgedachter Storch, so von Wittenberg, wie zuvorn gemeldet,[8] sich gepakket, durchstreiffete diese zeit über andere ort und stedte, sein teufflisch unkraut bald da, bald dort embsiglich außstreuendt, kam auch anno 1524 hiher gen Hof in dergestalt, alß zoge er seinem handtwerk nach, und arbeitet ein zeitlang bei Simon Klinger, burgermeister und thuchmachern allhie, bei dem Öbern Rörkosten in dem haus, da itzt herr burgermeister Zacharias Burger wohnet, da dann herr Veit Goditzer, seliger gedechtnus, gleich sein handtwerck lernete und den redlichen Storchen bei gedachtem Klinger zum werkgesellen hatte. Da nun Storch ein wenig erwarmete, lies er seinen geist fligen und wolte, wie auch anderßwo, die leut zu sich zihen und bekeren, bildete denn dem einfeltigen mann und handtwercksleuten seine grillen ein, disputirte auch mit den gelerten von seiner neuen lehr, krigte bald seinen anhang, nicht allein seines handtwercks, knappen und thuchmacher, sondern auch ettliche mönchen, item Hans Haubtman und vorgemelten Hanß Lewen. Dieselben fielen ihm mehrerstheilß darumb bei, weil er die schrifft wusste anzuzihen und in welchem capitel des alten und neuen testaments dise oder jene spruch stunden, ausdrücklich vermeldete und doch furgab, er were ein lei und köndte weder lesen noch [S. 314] schreiben, es were ihm alles von Gott selbst eingegeben und bevolhen, er solte andre lehren und junger aussenden, wiewol verstendige leut es dafur hilten, er wurde ettwan aus einem closter entsprungen sein. Zudem rhumete er sich, wie ihme der engel Gabriel viel und offt leibhafftig erschinne und ihm zeigete, was er thun solte, ja er versorgete ihn mit der allerbesten speis und tranck, also das er viel und offt den besten wein, mancherlei art, neben guter wolzubereiteter speis seines glaubens genosen furtruge und sie ihme nicht ohne ursach anhengig wurden. Uber das alles (sintemal er der schwartzen kunst berichtet war, oder sonsten solche gesellen bei ihm hatte) blendete er die leut in den heusern mit seinem engel Gabriel oder Beelzebub, liß sich bißweilen in herrlichem schmuck und zird sehn, alß were es der engel,[9] redete mit den leuten, befahl ihnen bald dieses, bald ein anders seiner lehr gemes zu thun, also das fast die gantze stadt mit seiner teuffelei bethöret und irr gemacht wurde, und gute einfeltige leut diesen Storchen für einen propheten hilten, deme sich Gott selbsten offenbaret und durch seinen engel Gabriel wunderbarlicher weis speisete und trenkkete wie vor alters den propheten Eliam und Daniel. Da schrieb iderman solches alß ein denckwirdige geschieht auff und wusten nicht, daß es lauter betrug war, sintemal er Storch und sein rott (neben seinen 12 aposteln, die er allhie gesamlet und in gantz Deudschlandt aussenden wolte) den bürgern das gebraten und andere speis, bei dem feuer und über tisch, weil sie sich unsichtbar gemacht, ein zeitlang weggetragen und den besten wein und bier aus den kellern gestolen, und im namen, alß were es ihnen vom engel Gabriel zugetragen weidlich geschlempt hatten, so lang, biß sie sich, alß man zuvorn ettlich mal uff sie gelauret und über dem diebstal sie wol abgeschmirt, widerumb heimlich aus der stad gemachet und an andere ort begeben haben.
Obwol aber vielermelter Storch, weil er noch zum Hof war,[10] sich Gottes und seines engel Gabriels sehr rhumete, alß der ihn ernehrete und alles deß, was er thun und lassen solte, auch wie die schrifft zu verstehen were, durch deutliche gesicht erinnerte, idoch ließ Gott diesen lugenpropheten in ein langwirig fieber fallen, in welchem (weil es ihme zu lang weren wolte und er nicht gerne an einem ort in die leng bliebe) er greuliche gotteslesterung wider Gott redete, dann, wievol er anfenglich furgab, Gott hilte ihn für seinen lieben sohn und züchtiget ihn mit kranckheit, damit die leut desto mehr uff ihn sehen und seinen göttlichen, oder viel mehr teufflischen wandel beifallen solten. Da aber das fieber nicht nachlassen wolte, wurde er gantz ungeduldig, lesterte und fluchete Gott im himel droben mit viel sacramenten und andern greulichen Worten, es solte und muste ihm Gott helffen, er were sonst kein rechter Gott und er wolte seiner ver[S. 315] leugnen. Alß er aber von seinem meister und andern derohalben gestraffet und zur gedult, demut und gebet vermahnet wurde, antwortet er, man muste Gott im himel mit gewalt uberschnurren und uberpuchen, wann er sich mit Zeichen und wundern, auch mit gewiriger hulff gegen den menschen erweisen solte, sonst, wann man so gelindt mit biten und beten oder bettlen mit ihm handelte, so thet er kein gut. Aus welchem allen wol zu selten war, aus welches geistes antreiben der hellische Storch solche wort geredet. Er behilt aber nichtsdestoweniger bei seinem anhang ein groses ansehen, alß were ettwas sonderlichs hinter ihm, und er lehrete das wort Gottes rein, wie ettwan doctor Luther, biß er endtlichen außriß und den abschid hinter der thur nam.
Endtlich ist er zu München in Beyern im spital gestorben,[11] dahin er anno 1325, alß seine auffrhurische schuler ubel entpfangen wurden, heimlich entrunnen war. Nun komme ich wieder ad propositum.
Anmerkungen
- ↑ Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 309-315. Marginalie: "Niclaß Storch ein anfenger der auffrhurer, schwermer und Widertauffer".
- ↑ Marginalie: "Storch kombt gen Wittenberg, geusset alda sein gifft aus".
- ↑ Marginalie: "Storchen lehr".
- ↑ Marginalie: "Storch der erste Widertauffer und auffrhurer".
- ↑ Marginalie: "Der Jesuitisch Orden fehet an".
- ↑ Marginalie: "Marcus Stubner macht sich mit Philippo Melanthone bekandt".
- ↑ Marginalie: "Storchen anhang zeucht von Wittenberg".
- ↑ Marginalie: "Nidas Storch kombt gen Hof".
- ↑ Marginalie: "Des Storchen wunderwerk, thun und wandel allhie zu Hof".
- ↑ Marginalie: "Storchen gottesfurcht".
- ↑ Marginalie: "Storch stirbt".