Historia vom leidigen Schuster zu Culmbach (Enoch Widman)
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Historia vom leidigen Schuster zu Culmbach | |
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| AutorIn | Enoch Widman |
| Entstehungszeit | 1596 |
| Entstehungsort | Hof |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Ausgaben | Vgl. Chronik der Stadt Hof (Enoch Widman) |
| Übersetzungen | |
| Forschung | |
Direkt nach dem Text schließt sich das Memorablie Der schwarze Mann in der Mordgasse (Enoch Widman) an.
Text
[1] Zu Culm[b]ach trug sich in dieser pestilentz[2] ein seltzamer fall zu. Dann alß man nach gewonheit eine grosse gruben uff dem gottesacker oder kirchhof gemacht, darein diejenigen, so an der pestilentz gestorben, zusammengetragen und geworffen wurden, ist unter andern (da man den todtenwagen von einer gaß zur andern gefuhret und was die nacht oder den tag uber verschiden auffgeladen hat) ein schuster, so die vergangene nacht und folgenden tag in einer grossen onmacht gelegen und für tod gehalten war, auch uff den wagen geworffen, zur begrebnus gefuhret, und in die todtengruben geleget worden. Do er nun die küle nacht uber, alß [S. 300] zur herbstzeit, sich des orts uffgehalten und endtlich wider zu sich selbsten kommen und (weil der mond durch die bretter, so uber dem grossen loch gelegen, fein hell geschinnen) erkennen können, wo er lige, sich auch verwundert, wie er doch uff den gottsacker unter andere todte leichnam kommen sei, hat er ettliche todte cörper nach art einer stiegen uffeinander geschlichtet. Ist also aus der gruben, so zimlich tiefF war, gestigen und in seinem todtenkleid fru morgens, ettwa umb 4 hor, sich für seine behausung gemachet, angeklopffet und hienein begert, welchem sein weib, in meinung, es bethöre sie, im wenigsten auffmachen oder ihn einlassen wollen, ungeachtet er sich für ihren mann angezeigt, also das er letzlich bei seiner nachbarn einem ein hacken entlehen und die haußthur mit gewalt öffnen mussen. Do er also in das haus und in die stuben kömbt, seine gewöhnliche kleider, so an der stangen hingen, anzeucht, lauffet das weib zum haus aus, gehet zu ihren nachbarn, zeigt an, es sei entweder ein geist oder ein dieb im haus und will derhalben nicht wider ins hauß, biß es gar lichter, heller tag worden. Er aber machet sich unterdessen mit seinen schuhen gefaßt, und weil eben desselben tags uff einem nahendgelegenen dorff oder flecken kirchweih vorgestanden, besuchet er dieselben, schreiet auch seinen nachbarn, so allbereit uff den weg waren und vor ihme gingen, bittendt, sie wolten seiner warten. Sie aber lauffen gantz erschrocken fur ihm hin und geben fersengelt, also daß sie viel schuch von ihren stangen fallen liesen und verzeteten. Dieselben hebet der leidige schuster auff und faßet sie an seine stangen, kombt endtlich zur kirchweih und findet sich zu seinen nachbarn, neben denselben seine schuch zu verkauffen. Die nachbarn dencken nicht anders, dann es sei der leidige teuffel und flihen abermal für ihm. Er aber verkauffet seine schuch, weil er allein war, mit gutem gewin und gehet darauff wider zu haus. Seine hausfrau, die unterdessen ihren nachbarn alles geklagt, wie es ihr ergangen und das einer ihres mans kleider und alle schuch aus dem hauß getragen hette, da sie ihres manns widerkunfft vernimbt, machet sie sich abermal beiseit, vermeinendt, ihres manns geist wolle sie durchaus widerumb vexiren, ungeachtet das er ihr freundtlich zugesprochen. Darauff setzet sich der schuster hinter den tisch, und zehlet sein gelt, ruffet auch seinem weib ettlichmal, zeigt an, er sei ihr mann und kein anderer. Sie aber, nachdeme sie den lieblichen thon deß klingenden gelts vernimbt, machet sie die stubenthur ein wenig auff, kucket hinein und spricht zu ihme: „Bistus oder bistus nicht?“ Und da sie endtlich verstehet, er sei es ungezweiffelt, auch eines dem andern, wie es sich mit der Sachen verlauffen, erzehlet, halten sie denselben abendt, neben ettlichen nachbarn, eine fröliche malzeit und machen gleichsam ein neue hochzeit. Daher dann derselbe schuster, so noch ettliche jar nach diser geschieht gelebet, der leidige schuster genant worden und hat unsern eltern, wann die nach Culm[b]ach gereiset, solchen seinen seltzamen fall offtmalß [S. 301] erzehlet, wie dann noch heutigs tags daselbsten leut gefunden werden, denen diese geschieht nicht unwissendt.
Anmerkungen
- ↑ Zitiert nach Rösler, Maria (Hg.): Enoch Widman, S. 299f. Marginalie: "Historia vom leidigen Schuster zu Culmbach".
- ↑ 1519.