Minneklage (B30b)
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Minneklage (B30b) | |
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| AutorIn | Anon. |
| Entstehungszeit | Überlieferung 3. Viertel 15. Jhd. |
| Entstehungsort | |
| AuftraggeberIn | |
| Überlieferung | Weimar, Herzogin Anna Amalia-Bibliothek: Cod. Quart 564, 109v-116v |
| Ausgaben | |
| Übersetzungen | |
| Forschung | Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 51-54 |
Inhalt
A Minnelehre (Str. 1–9):
Der Sprecher entfaltet zunächst allgemeine Gedanken über die Minne: Eine schöne, keusche und züchtige Frau gleiche einem Engel. Liebe könne heilen und verwunden, weshalb der Mann sich ihr ganz überlasse; sie vermöge Leid in Freude zu verwandeln. Minne wohne im tugendgeschmückten Herzen edler Frauen und zeige sich in ihren lachenden Augen. Der Anblick der Schönsten erfreue ihn zwar, bringe ihm aber zugleich langes Leid. Frauen, so mahnt er, stünden unter ständiger Beobachtung und müssten ihre Ehre besonders wahren. Sie sollten falsche Werber gar nicht erst anhören, denn schon das Zuhören gelte als halbe Zusage. Ein Schwächling habe von einer schönen Frau so wenig wie ein Blinder vom Licht. Wer eine Frau nur begehrt, um ihre Ehre zu schädigen, liebe falsch. Die beste Regel im Frauendienst sei: Frauen ehren, gut von ihnen sprechen und ihre Ehre schützen; Frauen wiederum sollten nur den Guten lohnen und nicht jedem Dienst abverlangen.
B Minneklage (Str. 10–24):
Der Sprecher beklagt, dass ihm Liebe und Lohn versagt bleiben: Einst begünstigt, liebt er nun nur die Eine, die ihn nicht beachtet. Doch weil alles in der Welt zueinander strebe, hofft er, die Minne möge sie ihm zuführen. Sein Herz könne ihm Freude wie Schmerz bringen; trotz Leid sehne er sich nach ihrer Nähe. Bis zum Ende verlange alles in ihm nach ihrer Schönheit. Niemand solle ihm das verübeln – Sehnsucht steigere die Begierde. Alle rühmten ihr wunderbares Aussehen; ob es eine Schönere gebe, wisse er nicht, doch sie sei die Beste. Er wünsche ihr stets Gutes und spreche ihren Namen, um sie zu ehren. Dass er sie nicht grüßen oder ansehen dürfe, breche ihm fast das Herz; daher tröste er sich mit dem Wunschdenken. Lange habe er überlegt, wie seine Geliebte sein solle – nun habe er die Vollkommene gefunden. Wer ihr Lachen sehe, sei gesegnet. Wenn sie ihn zum Toren mache, werde sein Leid sie irgendwann rühren; mit Gesang bringe er es ihr zu Gehör. Er wolle ihr weiter dienen, auch wenn er nur geringen Lohn erhielte, denn allein die Hoffnung trage ihn und verjünge ihn. Andere sagten, ihre Güte sei groß. Doch manchmal überkomme ihn der Zweifel, nie ans Ziel zu gelangen; dann ringe er die Hände, bis ein Trost ihm zuflüstere, dass alles Geschaffene seinen Lauf nehmen müsse.
C Freuden der Liebe (Str. 25–33):
Frauen seien die eigentliche Quelle der Freude; wer durch sie nicht froh werde, den erfreue nichts. Wer unbewacht bei der Geliebten liege, sei glücklich, auch wenn das Morgenscheiden schmerze. Schon ihr Lachen mache selig – wie viel mehr ein Kuss oder eine Umarmung, die einen fast vor Freude umbringen könnten. Ob seine Dame ihn erhöre, wisse er nicht; er habe ihr sein freies Leben gegeben und dafür Kummer empfangen. Doch nichts tröste so sehr wie die Güte ehrenvoller Frauen. Ihr roter Mund und ihre Freundlichkeit seien sein täglicher Segen; er bittet Gott, ihre Ehre zu schützen und hofft auf Lohn für seine Treue. Ein Mann solle um hohe Minne werben: Belohne eine Frau ihn nicht, könne eine andere ihn veredeln. Wer treu diene, werde selbst besser. Der Sprecher wünscht, die Geliebte könnte in sein Herz sehen und erkennen, dass er nur sie begehrt. Der Gedanke an Trennung erschreckt ihn. Zwar kenne er viele Schönere, doch keine ziehe ihn an – ein Wunder, dass gerade sie für ihn die Schönste sei. Beständigkeit sei das Entscheidende: Nur wer beständig diene, gewinne beständige Frauen. Von derselben Frau empfange er Liebe und Leid; die Freude schenke sie ihm, das Leid raube sie ihm wieder. Sollte er sterben, so wenigstens durch eine Schöne – doch er glaube, dass so viel Schönheit auch Güte berge. Sie beherrsche all seine Stimmungen, nur nicht den einen Punkt: dass er von ihr lassen könnte.
E Frau als summum bonum, Wirkungen der Liebe (Str. 41–49):
Str. 41 [B30a, 667]: Der Sprecher preist die Frau als das Höchste auf Erden und bekennt, von ihrer Minne gefangen zu sein. Frauen veredelten Männer, stifteten Freude und Rittersinn; hätte er die Eine, wäre er selig genug, um in Freude zu sterben. Gott selbst habe die Frau besonders ausgezeichnet. Liebe sei süßer Schmerz, ohne sie könne kein Herz froh werden. Er gesteht, dass er vor ihr verstumme und erröte; schon ihr Name entzünde sein Herz. Im Traum erscheine sie ihm in voller Schönheit, und beim Erwachen beginne sein Leid von Neuem. Ein einziger Blick könne Herz und Seele verwunden. Zwar wolle er sich von ihr lösen, doch sein Herz kehre immer zu ihr zurück. Von einer so schönen Frau könne er sich nicht abwenden. Er wünscht ihr die ganze Fülle natürlicher Freuden. Niemand könne aussprechen, wie viel Glück in Frauen liege; erst im Zusammensein erkenne man, wie fern man einander zuvor war. Auch wenn sein Blick manchmal abschweife, bindet ihn sein Inneres unerschütterlich an ihren Dienst. Schließlich hofft er, dass ihm eines Tages die Röte ihres Mundes und die Nähe ihres Arms in einer süßen Liebeshandlung zuteilwerden.
(Ausführliche Inhaltsbeschreibung bei Klingner, Jacob/Lieb, Ludger: Handbuch Minnereden, Band 1, S. 51-54)